Die Sache mit der vollen Hose

Ich hatte vor einiger Zeit angedroht, mal etwas über mein Empfinden, Mist zu produzieren, Stilfindung und die Angst, Menschen anzusprechen, zu schreiben.

Mache ich jetzt. Ich  bin mir sehr sicher, dass es nahezu allen, außer den Selbstverliebten, so geht. Egal ob professionelles Model, ob Fotograf oder wir Alltagsmenschen, die wir unseren Tätigkeiten nachgehen. In dem Moment, in dem dir eine Sache unglaublich ans Herz gewachsen ist, geht das los.

Zu mir. Ich habe ein Shooting in ein paar Tagen. Schwarz-weiss, Thema,…. geht schon los. Ich überlege, location steht fest, Bildideen wachsen in meinem Kopf. Über Ausrüstung mache ich mir keine Gedanken, ist ohnehin immer die gleiche. In diesem Beitrag absolut uninteressant und auch sonst…

Treffen, Kennenlernen, Quatschen, Einfotografieren. In der Regel geht das recht schnell, Zeit nehmen ist so wichtig, Bilder direkt während des Fotografierens zeigen. Immer und so wichtig. Nach dem Fotografieren fahre ich nach Hause mit dem Gefühl im Bauch: „Sag´mal Rainer, was hast du denn da gemacht?“ Zugegeben, dieses Gefühl ist mal stärker mal schwächer ausgeprägt, aber es ist da. Sichtung zu Hause. Und nun kommt es. Während des Sortierens kommen gemischte Gefühle auf. „Volltreffer. Ihr Ausdruck ist so wunderbar, das Licht passt, kannst du in schwarz-weiss super betonen, Kontraste sind da, kannst du verstärken. Sie sieht wunderbar aus.“ Und dann, oft nach ein paar Tagen, manchmal recht zeitnah. „Rainer, bist du ihr eigentlich gerecht geworden? Das geht doch besser.“ Ich mag fishing for compliments nicht. Ja, ich mag meine eigenen Bilder tatsächlich. Ist so.

Dieses ständige Unzufrieden-Sein wird dennoch wohl immer bleiben. Die Angst – ja, das darf man so nennen, wenngleich ich daran nicht sterben werde und demzufolge den Begriff ein wenig überstrapaziere – den Menschen auf der anderen Seite der Kamera zu enttäuschen und sich selbst irgendwann zu langweilen und LALALALALA-Zeugs zu machen.

Dann wäre da die Sache mit dem Stil. Ich, und jeder durchlebt das, habe lange an meinem Stil gearbeitet. Stop! Ich habe lange überlegt, was mein Stil eigentlich ist, wer ich als Portraitfotograf eigentlich bin. Geht es auch eine Nummer kleiner? Nein, geht es nicht. Wie soll ich gut werden, wenn ich mir das, was mir im Herzen brennt, nicht zum Gegenstand meines Zweifelns mache? Touché. Das war das eigentlich Schwierige. Ich habe – Donnerwetter Herr Moster – festgestellt, dass es schädlich ist, zu sehr nach anderen zu schauen. groundbreaking. Aber das musste ich mir erstmal eingestehen.  Mit der Zeit hatte ich herausgefunden, was mir wirklich gefällt. Es sind nunmal mal schwarz-weiss-Portraits. ich kann mit Anderem nahezu nichts anfangen. Ich liebe es und will nichts anderes machen. Aussprechen und machen! Und ich bin so unfassbar kurz davor nur noch schwarz-weiss zu fotografieren. Der letzte kleine Schritt, der endgültige, er wird kommen. Im Grunde nur noch ein ganz kleiner Schritt. Und dann, du meine Güte. Wie schaffe ich es, dass ich Menschen, die ich spannend finde, zu fotografieren? Meistens nicht. Nüchternes Fazit. Ich habe chronisch die Hosen voll. Da kommt so ein unbekanntes Kerlchen auf dich zu und sagt. „Hi, mein Name ist Rainer –  gähn – ich würde dich sehr gerne fotografieren. Ich gebe dir meine Karte – Versicherungsvertretermodus? – wenn dir meine Arbeiten gefallen, schreib´ mir gerne. Ich würde mich freuen.“ Pfffffff. Was soll das Mädchen denken? „Wieder so einer….“ Kann ich niemandem verdenken. „Nur schwarz-weiss?“, „Weiss ich, was da raus kommt?“

Wenn ich jemanden beobachte, eine Frau auf der Strasse, die gerade ihre Tasche einräumt, aber irgendwie anders, die auf dem Markt überlegt, was sie einkauft, auch irgendwie anders, die im Café sitzt und sich mit ihrer Freundin unterhält, eine Kellnerin, die mit einer unglaublichen Selbstsicherheit und Stil ihren Job macht,…. Es begegnen mir immer wieder Menschen, und ich finde Frauen tatsächlich ausdrucksstärker als Männer – ENTSCHULDIGUNG, die Herren –  die ich sofort ansprechen möchte. Glaubt mir, das ist ziemlich schwer. Wahrscheinlich das Schwerste an der Sache.

ABER, ich bin so dankbar. Ich habe Menschen – klingt so neutral, so technisch, ist es gar nicht – fotografiert, einige mehrfach und ich bin so unglaublich dankbar dafür. Ich liebe was ich tue und ich werde es weiter tun.

Danke für´s Lesen. Schreibt mir so gerne, wenn ihr mögt.

nach oben
F a c e b o o k
I N F O
I n s t a g r a m