Ich habe überlegt, ob und warum ich diese Zeilen schreiben soll. Ich bin kein Blogger, meine Reichweite in den sozialen Medien ist eine Katastrophe, ich bin in diesen Dingen eine absolute Gurke und die, die ich erreichen möchte, erreiche ich mit meinen Worten ohnehin nicht. Aber, das stimmt nicht ganz. Ein paar wenige lesen die Zeilen vielleicht doch und werden möglicherweise motiviert, in der Portraitfotografie den nächsten Schritt zu wagen. Egal ob vor oder hinter der Kamera. Es geht um mehr, als einfach nur Bilder machen und knackige Mädels fotografieren. Um es ganz plump zu sagen.

„Respekt und Anstand“ klingt sehr nach dem Postulat eines biederen, konservativen Habitus der Bewohner entlegener Dörfer, irgendwo auf der schwäbischen Alb oder in den Niederungen wenig besuchter Dörfer auf dem Lande, irgendwo wo die Welt noch in Ordnung ist. Oder nach dem martialisch anmutenden Kodex streng organisierter Gruppen, Gangs, Banden, nennt es wie ihr wollt. Du liebes Kind. Alles Blödsinn und von unsäglichen Vorurteilen durchsetzt. Es geht um eines der Fundamente, auf dem Gemeinschaften überhaupt existieren und funktionieren.

Was hat er denn, der Rainer, was schreibt er denn? Was hat das Gefasel mit Fotografie zu tun? Eine ganze, ganze Menge. Lass mich kurz aufführen, was mich bewegt. In Stichworten, sonst komme ich durcheinander und werde gar nicht mehr fertig:

  • Die Herausforderung, die Frau, die ich gerne fotografieren möchte anzusprechen. Die Herausforderung, den Fotografen, dessen Portraits dich interessieren anzusprechen, um gemeinsam Portraits zu fotografieren.
  • Die Art und Weise, wie wir ansprechen, es ist schließlich der erste Kontakt.
  • Die Freude, wenn während des Fotografierens die ersten Portraits entstehen, die uns beiden gefallen und wir warm werden und weitere Bildideen entwickeln.
  • Die noch größere Freude, wenn die Strecke fertig ist, ich sie dir schicke und wir uns über die Bilder freuen, vielleicht das eine oder andere in gedruckter Form an der Wand hängt.

Ich bin unendlich angewidert, wenn ich höre, wie nicht wenige Frauen von respektlosen, unverschämt rotzigen „Fotografen“ angeschrieben werden.

Jemanden anzufragen und um Portraits zu bitten, ist keine leichte Sache, für mich zumindest nicht. Denn, wie ich in den vergangenen Jahren gelernt habe, ist die Portraitfotografie eine sehr intime Art der Fotografie. Man stellt nicht einfach eine Frau an einen Baum und schießt aus sicherer Entfernung das Bild. Es geht in meiner Welt auch nicht darum, mit Gewalt ein „Lachbild“ oder ein  „Achtung-Jetzt-Wird-Es-Emotional-Bild“ zu fotografieren. Ich meine das Fotografieren auf kleinem Raum und der Versuch des Festhaltens ganz bestimmter melancholischer und echter Momente. Dazu gehören schon zwei, die auf der gleichen Wellenlänge sind.

Du, ich, sagen wir einfach „Wir“ zueinander, nehmen unseren ersten Kontakt auf. Wir sprechen uns auf der Straße, auf einer Party, in einem Café an. Wir schreiben uns, tauschen Bildideen aus und vereinbaren einen Tag, an dem wir uns treffen werden. Das erste Eis ist gebrochen, sofern eine nette Antwort kommt, steht Portraits nichts mehr im Wege. Und nun kommt das im Grunde Selbstverständliche: Wir möchten uns BEIDE deshalb treffen, weil wir BEIDE der tiefen Überzeugung sind, dass wir BEIDE schöne schwarz-weiß Portraits entstehen lassen. Es geht immer um das „wir BEIDE“

Mehr kannst du als Portraitfotograf nicht bekommen. Einen Menschen, der mir dir seine wertvolle Zeit verbringt und sich von dir, in meinem Fall von mir, fotografieren lässt.

Eine liebe Anfrage, mit Respekt und Anstand, ist das absolut Mindeste, das sollte eigentlich keiner Erwähnung bedürfen. Was sich so manche Männer mit einer Kamera in der Hand allerdings wagen, schlägt dem Fass den Boden aus. Anrüchige Nachrichten mit, nennen wir es billigen Absichtserklärungen, teils garniert mit eindeutig unerwünschtem und nicht sehr ästhetischem Bildmaterial, sind häufiger als ich es gewagt hätte zu glauben. Sagt mal gehts noch? Das eben in Kürze geschilderte hat nichts, aber auch gar nichts mit dem zu tun, was man unter anständigem und respektvollem Umgang versteht. Es ist einfach nur widerlich,

Nun zu den „Fotografen“. Wie soll Begeisterung, Neugier und Einlassen – ich mag dieses Wort – entstehen, wenn schon in der ersten E-Mail nur belästigt und anzüglich geschrieben wird? Wie soll die Phase des kreativen Schaffens entstehen, wenn die Frau, die ihr so unendlich schäbig anfragt, sich belästigt fühlt? Wenn ihr anzügliche Bilder, mit zu viel nackter Haut, Ketten, Fesseln und all dem fotografieren wollt, dann sucht euch ein Modell, die auf sowas steht. Auch während des Fotografierens benimmt man sich. Ach ja, noch etwas. Ein „Shooting“ ist keine Kontaktbörse.

Sofern sich Frauen nach solchen Erlebnissen überhaupt noch auf Portraits einlassen, freuen wir uns über unsere Bilder, bereichert um die Erinnerungen an den Tag, egal ob im Studio, in der Natur oder in einer wunderbaren Stadt. Ich war zweimal zum Portraitfotografieren in Paris und werde die Erinnerungen behalten. Solch wunderschöne Erlebnisse bleiben uns verständlicherweise verwehrt, wenn du, mit der ich fotografieren möchte, grundsätzlich und absolut nachvollziehbar vorsichtig bist, absagst oder erst gar nicht anfragst. Mich macht das sehr traurig.

Wenn ich darf: Schaue dir an, wie die Anfrage des Fotografen formuliert ist, schaue dir das Portfolio des Fotografen an. Höre dich um, wer mit ihm fotografiert hat. Gefällt dir die Ästhetik, der Webauftritt, kannst du erwarten, respektvoll behandelt zu werden und ästhetische Bilder zu bekommen, einen schönen Tag zu erleben. Lasse dich während des Fotografierens auf nichts ein, was du nicht magst, nur weil du es vielleicht irgendwo in den Sozialen Medien gesehen hast und denkst, das müsste so sein. Es muss gar nichts. Höre auf deinen Bauch und freue dich dann auf und über die Portraits.

Danke fürs Lesen.

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